Der Zornige

Veröffentlicht am 16. Oktober 2026 um 09:00
Statue im Louvre. Eine Löwenpanke gräbt sich in das Fleisch eines Oberschenkels.

Krallen schlagen sich in einen Oberschenkel, Statue im Louvre Paris

Fotografie: ismael@raumundzeit.blog

 

Wenn es einen als Kind an einen neuen Ort verschlägt, muss man sich neue Freunde suchen. Einer, den ich schnell kennengelernt habe, war ein Junge aus dem angrenzenden Hafenviertel. Das Hafenviertel war aber nichts Schönes, wie man es erwarten würde. Auch wenn man es in seiner Erinnerung gerne beschönigen würde. Nein, die Reichen wohnten am Hang oben, natürlich mit unverbautem Seeblick. Hier unten lebten die letzten Fischer in heruntergekommenen Häusern. In den schäbigen Wohnblöcken daneben die Sozialfälle und die Arbeitslosen. Und da wohnte auch eine Hure, oder besser gesagt, da arbeitete sie. Gleich über der Feuerwehrgarage. Wir Kinder wussten natürlich nicht, was das eigentlich ist, aber es hörte sich verboten an. Also tuschelten wir über alles Mögliche, was wir schon gehört hatten. In der Schweiz wird das Wort «Hure» noch viel verwendet, zum Beispiel bei dem Ausruf «Huere Siech». Was eher ein harmloser Ausdruck von Überraschung ist, aber etwas, das man niemandem nachrufen sollte, wenn man nicht in Handgreiflichkeiten landen will. Das ganze Hafenviertel war von der Hafenmauer umgeben. Also nicht mal baden konnte man da. Das durfte man sowieso nicht wegen der Frachtschiffe. Die und die grossen Kieshaufen versperrten die Sicht auf den See. Aber diese Kieshaufen waren für uns Kinder natürlich tolle Spielplätze. Zumindest bis der Kranführer wieder in seinem Häuschen tobte. Aber erst als er die Tür öffnete und vom Kran heruntergestiegen kam, rannten wir in alle Richtungen davon.

Einmal hat mich mein Freund zu sich nach Hause eingeladen. Er wollte mir sein Spielzeug zeigen. Als wir in dem alten Mehrfamilienhaus in seinem Zimmer am Boden sassen, stand plötzlich sein Vater in der Tür. Eine furchteinflössende Erscheinung. Er war sehr hager. Eine Zigarette hing ihm schräg aus dem Maul. Unrasiert, mit einem ungepflegten Schnauzer. Sein Gesicht eingefallen, zerfurcht und vernarbt. Verbraucht sah er aus. Mit einer platten Nase. Er stand einfach da mit geballten Fäusten. Sagte nichts. Dazumal konnte ich es nicht fassen, was mir so Angst eingejagt hat. Heute weiss ich es. Es waren seine zornigen Augen. Die strahlten einen Zorn auf alles aus.

Sein Sohn stammelte etwas davon, wer ich bin und woher ich komme. Ich spürte, er hatte Angst. Sein Vater kehrte sich wortlos um und verschwand. Das letzte Wort über meinen Besuch war vermutlich noch nicht gesprochen.

Was ist eigentlich Zorn? Der Zorn gilt in der buddhistischen Psychologie der Gelug-Tradition als sekundäre Verblendung. Eine Verblendung ist ein Geisteszustand, der unsere objektive Wahrnehmung stört. Der Zorn ist die Folge einer Wurzelverblendung, nämlich des Ärgers. Eine Wurzelverblendung ist immer die Ursache für die sekundären Verblendungen. Genau darum ist es wichtig, dass man keinen Ärger aufkommen lässt, um diese nicht zu nähren.

Der Ärger selbst ist nicht auf ein Objekt ausgerichtet, sondern er geht von diesem aus. Man ärgert sich über etwas. Wir können diesen Ärger zulassen oder lernen, damit umzugehen. Ihn eben nicht aufkommen lassen. Lassen wir diesen Ärger wiederholt zu, kann er sich in Zorn verwandeln und der ist dann auf ebendieses Objekt gerichtet, welches den Ärger erzeugt. Man ist zornig auf dieses Objekt oder auf diese Person. Und in einer gesteigerten Form geht das so weit, diesem Objekt oder dieser Person auch Schaden zufügen zu wollen. Wenn man sich also tagtäglich über die ganze Welt aufregt und ärgert, dann wird man irgendwann auch einen Zorn auf die ganze Welt entwickeln.

Was mir dabei auffällt: Ärger zeigt sich vor allem in der Mimik. Der Zorn aber in den Augen. Augen, die einem am liebsten durchbohren würden.

Später habe ich erfahren, wieso sein Vater so eine platte Nase hatte. Das war, weil er Boxer war. Und was tut so ein Boxer? Der schlägt drein. Und wenn er dann auch noch Alkoholiker ist, tut er das vielleicht nicht nur im Ring. Und das tat sein Vater auch, zu Hause. Der Kontakt zu meinem damaligen Freund brach dann recht schnell ab, auch weil wir nicht zusammen in die Schule gingen und ich viele andere Freunde kennenlernte.

Seinen Vater habe ich nachher nur noch einmal gesehen. Ein paar Jahre später. Als er mitten am Nachmittag vom Restaurant Neueck heimtorkelte. Neu war an diesem Restaurant aber nichts, weder das Gebäude noch die Wirtin noch die Gäste. Es war eine heruntergekommene Beiz, wie es sie in vielen Dörfern gibt. Da, wo sich die ganzen Dorf-Alkis schon am Mittag betrinken und über die ganze Welt und auf alles schimpfen. Er stand auf jeden Fall mitten auf der Strasse und konnte sich kaum mehr auf den Füssen halten. Seinen Oberkörper hatte er auf die Seite geneigt und schwankte. Er hatte sichtlich Schlagseite und er erkannte mich nicht mehr. Seinen bösen Blick werde ich aber nie vergessen. Dieser Zorn zeigte sich immer noch in seinen Augen. Ich grüsste freundlich und ging schnell vorbei. Froh, Distanz zwischen ihn und mich zu bringen.

Letzthin war ich wieder mal im Hafenviertel. Auf der Mole. Da, wo die Kieshaufen waren, sind jetzt ein grosser Kiesplatz und ein Rasen. Schattige Bäume laden zum Flanieren ein. Im Sommer wird da ein Outdoor-Restaurant betrieben mit Live-Musik und einem wunderbaren Blick auf den See. Anstatt der Frachtschiffe stehen jetzt Segelyachten im Hafen. Der hässliche alte Kran ist einem neuen, kleinen gewichen, der zum Einwassern der Yachten verwendet wird. Das Fischerhaus steht immer noch. Es sieht hübscher aus als früher, so komplett renoviert. Auch das Wohnhaus mit der unschönen Geschichte steht noch. Ebenfalls komplett auf Vordermann gebracht. Aber für mich strahlt es immer noch etwas Unheilvolles aus. Der Familienname meines damaligen Freundes steht nicht mehr neben der Klingel.


Zorn ist ein äußerst böswilliger Geisteszustand, der eine Steigerung von Ärger darstellt und unmittelbar Schaden zufügen möchte. Zorn hat die Funktion, die Person, die Schaden anrichten will, direkt dazu zu bringen, die dafür erforderlichen Mittel zu ergreifen.

Geshe Rabten, Der Geist und seine Funktionen, S. 187