Der Stil

Veröffentlicht am 2. Oktober 2026 um 09:00
Theodor W. Adorno

Theodor W. Adorno

Bildnachweis: Public Domain

 

Eigentlich weiss ich gar nicht recht, wieso ich angefangen habe zu schreiben. Irgendwie bin ich da reingerutscht. Es waren mehrere Ursachen. Eine war sicher die Frau, die ich im Kloster getroffen habe und die gemeint hat, ich sollte unbedingt meine Gedanken aufschreiben. Die seien wertvoll. In einem Blog zum Beispiel. Ausgerechnet in einem Blog? Das wäre mir nie in den Sinn gekommen. Von Bloggern hat man ja so ein schräges Bild im Kopf. Die kommen irgendwie grad nach den Influencern. Und dann noch über philosophische Themen. Aber ja, das könnte doch funktionieren, um einzelne Gedanken zu formulieren und herzuleiten. Und jetzt? Jetzt bin ich selbst so einer. So ein Blogger.

Am Anfang hatte ich keinen Plan, wie ich beginnen soll. Aber es war schnell klar, das muss damit beginnen, wie ich zur Philosophie gekommen bin. Also einfach mal anfangen und drauflos schreiben. Es brauchte aber schon etwas Mut, eine Webseite mit einem einzigen Blog-Beitrag zu veröffentlichen. Ich schämte mich, sozusagen «Nichts» zu publizieren.

Man neigt darum zu Beginn dazu, viel zu viel zu schreiben. Schnell habe ich gemerkt: Ich muss kürzen und kürzen, bis der Kern des Beitrags ausgearbeitet ist. Es war eine Herausforderung, komplizierte Themen in kurzer Form zu präsentieren. Vielfach muss man genau die Idee, die am Anfang so attraktiv erschienen ist, fallen lassen. «Kill your Darlings» nennt man das. Und das ist wirklich schwierig. Aber genau dieses wiederholte Streichen und Loslassen formt am Ende den eigenen Stil.

Interessanterweise hat mir das, was ich instinktiv versucht habe, der Philosoph Theodor W. Adorno bestätigt. Genau Adorno, mit dessen deprimierendem Schreibstil ich gar nichts anfangen kann. Er selbst war ja dem Leben nicht abgeneigt. Er war ein starker Raucher, legte grossen Wert auf gutes Essen und guten Wein. Und er war selbst Musiker und liebte gute Musik. Er hatte sogar eine langjährige aussereheliche Affäre. Den sinnlichen und ästhetischen Genüssen erlag er also geradezu leidenschaftlich. Umso mehr verwundert einen sein Schreibstil. Sein Werk Minima Moralia ist bewusst in einem so deprimierenden Stil geschrieben, dass es eben diese vernichtende Gesellschaftskritik trägt. Eine, die man kaum erträgt. Ich zumindest nicht. Eben deswegen ist es ein Meisterwerk. Ein Meisterwerk, das ich nicht zu Ende lesen konnte. Aber darin gibt es eine einzige Seite, von der ich wirklich etwas mitnehmen konnte. Nur wegen dieser einen Seite steht es überhaupt noch in meinem Bücherregal. Er formuliert darin den Kern der Schriftstellerei so treffend und kompakt, wie es nur geht.

Nie darf man kleinlich sein beim Streichen. Länge ist gleichgültig und die Furcht, es stehe nicht genug da, kindisch. Man soll nichts darum schon für daseinswert halten, weil es einmal da ist, niedergeschrieben ward.

Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Zweiter Teil, § 51

Darum sind einfach teilweise meine Beiträge kurz. Aber manchmal, eigentlich nicht wenige Male, verliere ich mich dann doch wieder in einem Text. Versucht, das Thema aus verschiedenen Perspektiven festzunageln. Aber wenn ich dann auf den Text schaue, merke ich: Das ist eigentlich nichts. Nur eine Aneinanderreihung von Ideen und Argumenten.

Erste Vorsichtsmaßregel des Schriftstellers: jeden Text, jedes Stück, jeden Absatz daraufhin durchzusehen, ob das zentrale Motiv deutlich genug hervortritt. Wer etwas ausdrücken will, ist davon so bewegt, daß er sich treiben läßt, ohne darauf zu reflektieren. Man ist der Intention zu nah, «in Gedanken», und vergißt zu sagen, was man sagen will.

Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Zweiter Teil, § 51

Was wollte ich jetzt euch eigentlich mit diesem Beitrag sagen? Das habe ich doch unterwegs glatt vergessen.