Der Sinn

Veröffentlicht am 30. Oktober 2026 um 09:00
Alpenmoos

Alpenmoos

Fotografie: Ismael@raumundzeit.blog

 

Irgendwann suchen die meisten nach Antworten auf Fragen der Existenz oder nach dem Sinn des Lebens. Klar, es gibt auch solche, denen es egal ist. Die nennt man dann Nihilisten. Die glauben, dass letztendlich eh alles keinen Sinn ergibt. Und dann gibt es da noch die Hedonisten. Die sehen Lust und Genuss als das eigentliche Ziel des Lebens. Wenn ich sehe, wie die Welt trotz des Klimawandels immer noch im Konsumrausch ist, muss ich daraus schliessen, dass es viele Hedonisten gibt. Und es werden immer mehr, sobald der Wohlstand es zulässt. Es ist absolut verständlich, dass Menschen in ärmeren Ländern auch den Lebensstandard anstreben, den wir haben. Gegen ein gewisses Mass an Wohlstand ist ja auch nichts zu sagen. Ob aber der reine Genuss und Konsum nun der eigentliche Sinn des Lebens sein kann, wage ich zu bezweifeln. Bei vielen ist es vermutlich eine Kombination von den beiden oben erwähnten Menschentypen: Weil sie eh keinen Sinn in der Zukunft mehr sehen, konsumieren sie noch, was geht.

Die Antworten auf den Sinn des Lebens versuchten natürlich in der Vergangenheit die Religionen zu geben. Grad in schwierigen und unsicheren Zeiten haben sie den Menschen Halt gegeben. Und solche Zeiten waren in der Vergangenheit ja meistens der Fall. Die Religionen haben sich lange gut gehalten mit der Aussicht auf ein tröstliches Ende, wenn man denn ein moralisch gutes Leben geführt hat. Die meisten Religionen waren also auch eine moralische Instanz. Der Sinn zeigte sich in den meisten Religionen somit nicht im jetzigen Leben, sondern schlussendlich erst in der Erlösung. 

Heutzutage sind viele Religionen auf dem absteigenden Ast. Verdrängt von den Wissenschaften und dem Wohlstand, mit dessen neuem Ersatzgott, dem Konsum, im Schlepptau. Und für die moralische Instanz haben unsere Vorfahren ja Gesetze und Menschenrechte erkämpft, die wir auch sorgfältigst hüten sollten. In unseren Breitengraden mit unserem Wohlstand und Frieden ist es daher nachvollziehbar, dass diese Religionen immer weniger interessant werden und ihre eigentliche Aufgabe verlieren.

Irgendwie schlummert aber in uns doch der Gedanke an unsere eigene Endlichkeit. Dann schliesst man eben eine Lebensversicherung ab. Eine Lebensversicherung! Was für ein absurder Name. Wenn, dann muss das Hinterbliebenen-Versicherung heissen. Aber das suggeriert halt, dass wir dann nicht mehr sind. Darum nennen sie das Lebensversicherung. Das klingt irgendwie angenehmer. Wie wenn man versichern könnte, dass es irgendwann zu Ende geht. So nach dem Motto: Game over – insert coin to continue.

Wir können ja eh schon alles andere versichern. Auch unsere Gesundheit. So eine Krankenversicherung ist schon eine gute Sache. Sie gibt einem das Gefühl, dass wenn dann mal etwas ist, richtens die Ärzte dann schon. Das gibt ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle übers Leben. Nur die haben wir eben nicht.

Diese ganze oberflächlich abgeklärt wirkende Haltung ist eben ein Ausblenden. Besser gesagt ein Überblenden. Und das funktioniert nur, solange man nicht genauer hinschaut. Denn wenn man hinschaut, werden längst nicht alle Fragen beantwortet.

Eben genau die Sinnfrage steht noch unbeantwortet im Raum. Ausser man reduziert den Sinn unseres Lebens auf das rein Biologische, die Arterhaltung. Gut möglich, dass man sich gar nicht mit dem Sinn seines Lebens und der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen möchte. Grad als junger Mensch will man einfach das Leben geniessen. Aber irgendwann kommen die meisten an einen Punkt, an dem sie sich fragen, wieso sie hier sind.

Auch Philosophen versuchten immer wieder, diesen Sinn dingfest zu machen. Für die einen ist es die Glückseligkeit. Für andere einfach die Freiheit von Schmerzen und Leid. Und wieder andere Philosophen sehen gar keinen objektiven Sinn im Leben. Also nicht mal hier erhält man eindeutige Antworten.

Und das ist eben genau der Punkt: Der Sinn des Lebens ist nicht einfach da. Der kommt nicht von aussen zu uns und sagt: «Hallo, ich bin’s, dein Sinn. Deswegen bist du da.» Wir selbst müssen unsere Passion erkennen und unserem Leben aktiv einen Sinn geben. Und das können wir nur in dem Rahmen gestalten, der uns gegeben ist.