Unterwegs in der Altstadt St.Gallen
Fotografie: ismael@aumundzeit.blog
Eigentlich wollte ich nur kurz in das Buchantiquariat. «Heute geschlossen» steht da. Zum zweiten Mal stehe ich vor verschlossenen Türen. Aber eine Internetseite mit Öffnungszeiten hat das Antiquariat nicht. Nun ja, wenn man in die Vergangenheit reisen will, muss man auch wie früher mit so was rechnen.
Dann drehe ich halt so noch eine Runde in der Stadt. Ich war schon ewig nicht mehr in der Altstadt. Im Klosterviertel beginne ich meine Runde. Viele noble Restaurants mit Sektkübel-Ständern und weissen Tischtüchern. Nicht wirklich mein Ding. Ich suche eher das Kontrastprogramm.
Darum schaue ich doch lieber, ob es die Genossenschaftsbeiz noch gibt, in der ich früher viel verkehrte. Die war eigentlich immer ein Pflichtbesuch, wenn ich mal in der Stadt war. Tatsächlich, die gibt’s noch. Und sie sieht noch fast gleich aus. Die Bar ist jetzt auf der anderen Seite, aber ich könnte schwören, die haben immer noch die gleichen Tische. Die Bedienung lehnt am Tresen. Scrollt auf dem Handy. Ich grüsse und gehe in den Innenhof, in dem eine Handvoll Leute sitzt.
Ich studiere die Karte. Alles vegan. Vor jeder Speise steht ein grosses V, das einem Haken gleicht. Fast wie früher. Nur früher war es einfach vegetarisch. Nachdem zehn Minuten niemand meine Bestellung aufgenommen hat, gehe ich rein zur Bar. Ich bin nicht sicher, ob hier neuerdings Selbstbedienung ist, und frage danach. Die Bedienung, die immer noch mit dem Handy am Tresen lehnt, meint schnippisch: «Nein, ich hatte einfach noch keine Zeit.» Etwas ratlos schaue ich mich im leeren Lokal um und gebe dann meine Bestellung auf. Eine Rhabarberschorle und eine Portion Pommes mit Mayo. «Veganaise», meint die Bedienung. Ich: «Hä?» «Veganaise», sagt sie nochmals. «Keine Mayo, Veganaise.» «Aha, klar, ja, die nehme ich.»
Ich setze mich wieder an meinen Tisch und studiere meine Umgebung. Zwei Schwule sitzen neben mir. Einer der beiden hat Hotpants an, die man in dieser Knappheit sonst nur bei vierzehnjährigen Mädchen sieht. Mutig! Beide am Handy. Haben sich vermutlich nicht viel zu sagen.
Einen Tisch weiter sitzt ein junger Mann, der eine grosse Grastüte raucht, auf die selbst Bob Marley neidisch gewesen wäre. Spannend, wusste gar nicht, dass das mittlerweile legal ist. Oder in dieser Biosphäre einfach geduldet? Irgendwie macht er aber noch einen recht präsenten Eindruck. Ich glaube, der ist das gewohnt.
Am gegenüberliegenden Tisch sitzt eine Lesbe mit ihrem Date, das recht brav aussieht. Sie vor einem grossen Bier, das Date vor einem Tee. «Männer, nein danke!» prangt auf ihrem T-Shirt. Ihre Arme sind bis über die Hände und zum Hals hinauf tätowiert. So viele Piercings und Totenkopfringe habe ich schon lange nicht mehr auf einem Menschen vereint gesehen. Ihre Stimme ist aber samtweich, während sie flirtet. Sie könnte problemlos in einem Callcenter arbeiten – oder Kinder-Hörbücher aufnehmen. Vielleicht tut sie das auch.
Rechts von mir ein Hipster, der mit seinem MacBook und mit seinem Wissen über KI zwei Mädels beeindrucken will: «Da kann man ganze Texte verfassen und Business-Pläne erstellen lassen.» «Wow, echt!» Irgendwie verziehen sich die Mädels aber recht schnell wieder. Falsche Adresse, falsches Thema.
Ich fühle mich hier wohl. Es ist irgendwie wie früher. Endlich kommen meine Pommes. Versalzen. Gut, bei dieser Hitze kann man schon etwas Salz vertragen. Die Veganaise ist erstaunlich gut. Nachdem ich der Bedienung erkläre, dass ich schon über vierzig Jahre Vegetarier bin, aber noch nie eine Veganaise probiert habe, taut sie auf und ist plötzlich freundlich. Später gehe ich zum Zahlen an die Bar, weil die Bedienung schon zwanzig Minuten nicht mehr erschienen ist. Sie lehnt am Tresen. Scrollt auf dem Handy. Ich gebe ihr trotzdem Trinkgeld. Sie bedankt sich, freundlicher als zuvor. Ich hoffe, sie ist dem Stress hier gewachsen.
Ich spaziere rüber zur nächsten Querstrasse, vorbei an der Jetset-Bar, in der selbst bei dieser Hitze die Männer in weissen Hemden und spitzen Anzugsschuhen an der Bar stehen. Sicher Banker oder so.
In dieser Querstrasse bleibe ich vor einem Restaurant stehen. «100 % veganfrei» prangt gross auf der Tafel. Ein etwas anderes Publikum als vorher. Männer mit tätowierten Armen, dick wie Oberschenkel, mit Bärten und hochrasierten Frisuren sitzen vor Bergen von Fleisch. Sie fühlen sich sichtlich wohl in ihrer herrlich männlichen und patriarchalischen Umgebung. Die mögen sicher auch gerne Hotpants, aber nicht an Männern. Weiter unten steht die Vietnamesin im Schaufenster und richtet ihr Buffet. Ein angenehmer Kontrast. Das Fleisch sieht man vor lauter Gemüse fast nicht.
Eine Querstrasse weiter spaziere ich am Stübli vorbei, das schon in meiner Jugend berüchtigt war. Ab und zu waren wir hier drin wegen der Musik. Gefühlt jeder und jede Zweite hat einen Kampfhund dabei. Laute Hardrock-Musik, Nietengürtel, laute Gespräche, viel Alkohol, leere Blicke.
Was wäre, wenn ich hier hängengeblieben wäre? Was wäre, wenn mein Leben anders verlaufen wäre? Nur eine Weiche anders gestellt worden wäre? Wenn ich nur eine einzige Entscheidung anders gefällt hätte? Würde ich vielleicht auch mit einem leeren Blick hier im Stübli vor meinem Bier sitzen oder eher in der Jetset-Bar? Wäre ich dann noch ich? Nein, eben nicht. Ich bin ich, eben genau darum, weil mein Leben so verlaufen ist, wie es ist. Mit allen Facetten. Aber auch, weil ich alle Entscheidungen, so klein sie auch waren, genau so getroffen habe, wie ich sie habe. Eins weiss ich gewiss. Als Freigeist habe ich mich noch nie nur einem Milieu zugehörig gefühlt. Ich verkehrte in Rocker-Beizen oder autonomen Kulturzentren – mit Punks oder Hippies – auf Reggae- oder Jazzkonzerten. Nur mit dem extrem rechten Milieu hatte ich schon immer Mühe. Das alles liegt an meinem angeborenen Charakter, der mich durch mein ganzes Leben begleitet.
Und wenn ich mein Leben nochmals durchleben dürfte, mit gleicher Ausgangslage und gleichem Umfeld, würde ich an den entscheidenden Situationen im Leben die gleichen Entscheidungen treffen. Weil ich ja zum Zeitpunkt einer Entscheidung wieder die gleiche Entwicklung durchgemacht hätte wie im jetzigen Leben an dem gleichen Punkt.
Zum Abschluss gehe ich dann auch noch in die Musikbeiz, in der wir früher viel waren. Die ist jetzt ein hippes Restaurant. Die Getränke sind in schöner Handschrift auf unzähligen Tafeln notiert. Eigentlich unmöglich, sich einen Überblick zu verschaffen. Man bleibt halt irgendwo hängen und das nimmt man dann. Die jungen Bedienungen sind vermutlich Studentinnen, die hier jobben. Ich werde bedient wie ein verirrter und verwirrter Senior. Mit einer Freundlichkeit, die man oft bei Jungen sieht, wenn sie mit alten Leuten zu tun haben. Was ich aber definitiv noch nicht bin! Sie behandeln die Alten dann wie Kinder. Ich fühle mich jetzt auch alt. Älter, als ich es eigentlich bin. Aber das Publikum ist halt etwa ein Drittel so alt wie ich. Hier bin ich also alt. Die hausgemachte Schokolade schmeckt irgendwie nach nichts, aber sie ist Fairtrade. Sie haben sich Mühe gegeben – ich gebe viel Trinkgeld.
Ich spaziere vorbei an der Klangschalenmassage und dem Griechen retour zum Auto. Vorbei an dem Pärchen, das auf der Parkbank schmust. Auf der Bank daneben sitzt ein Alki und betrinkt sich. Er sitzt da im Unterhemd mit einem Plastiksack voller Bierflaschen und glotzt rüber zum Pärchen.
Ich bin glücklich. Glücklich über dieses friedliche Nebeneinander verschiedenster Menschen. Ich glaube, ich muss wieder mehr in die Stadt.