Die Schublade

Veröffentlicht am 29. Juni 2026 um 09:00
Schublade von einem antiken Schrank

Schublade von einem antiken Schrank

Fotografie: ismael@aumundzeit.blog

 

Jeder hat so eine Zuhause – mindestens eine. Eine Schublade, in der alles Kunterbunte drin ist, was sich nicht so recht einordnen lässt. Vom Pflaster bis zur Schnur. Ein Schraubenzieher muss da selbstverständlich auch drin sein. Den braucht man ja immer wieder. Meistens zieht man dann die lockere Schraube irgendwie mit diesem an, auch wenn man im Keller einen Schraubenzieher hätte, der besser passen würde.

Wir stecken ja geistig sonst auch alles gerne in Schubladen. Das vereinfacht unser Leben. Wir müssen von Minute zu Minute Entscheidungen fällen und wenn wir etwas schon geordnet und sauber abgelegt vorfinden, geht das schneller. Ich glaube, die meisten Philosophen sind sich einig, dass wir unsere Umgebung mit Urteilen ordnen und folglich auch verstehen lernen. Und die meisten, auch Neurowissenschaftler wie António R. Damásio, sind sich einig, dass wir zuerst nach gut oder schlecht urteilen, weil das in der Vergangenheit überlebenswichtig war.

Es war wichtig, schnell Entscheidungen zu treffen. Wenn ich erst überlegen musste, ob das eine Katze zum Streicheln ist oder ob sie mit ihren grossen Reisszähnen und Krallen vielleicht doch gefährlich ist, konnte das mein Ende bedeuten.

Dieser Mechanismus macht also durchaus Sinn. Das Problem ist nur: Wenn wir mal etwas in die falsche Schublade gesteckt haben, dann bleibt das meistens da drin. Und genau das machen sich die Populisten zunutze: unsere Konditionierung auf Bedrohung. Sie erzeugen kontinuierlich das Gefühl von Gefahr.

Beispielsweise glaube ich, dass Reaktionen, die zu ethnischen oder kulturellen Vorurteilen führen, teilweise auf sozialen Emotionen beruhen, deren evolutionäre Bedeutung darin lag, Unterschiede an anderen zu entdecken, weil Unterschiede Risiken oder Gefahren signalisieren konnten. Die Folge war daher Rückzug oder Aggression.

Antonio R. Damasio, Der Spinoza-Effekt, S. 52 

Irgendwann werden dann die Menschen, zumindest ein nicht unbeachtlicher Anteil der Bevölkerung, so von der kontinuierlichen Hetze überzeugt, dass sie glauben, die Hauptgefahr gehe von den Ausländern aus. Das hat schon immer funktioniert. Die Populisten brauchen immer einen Feind, weil sie keine Lösungen haben. Früher waren es Hexen und Ketzer, die man als Sündenböcke verbrannt hat. Heute muss man halt andere finden. Die Strategie bleibt dieselbe: Man geht auf die Schwächsten los diejenigen, die sich kaum wehren können.

Im Osten greift Russland Europa an, aber unser Hauptproblem sind die Ausländer, die vor Kriegen zu uns fliehen? Nein, die Gefahr geht nicht von den Ausländern aus. Sie geht eben von diesen Hetzern aus, die durch ihre Vorverurteilungen deren Integration torpedieren und Lösungen gegen die Migration von vornherein verhindern. Und ebendiese selbsternannten Heimatschützer liebäugeln offen mit denen, die gerade Europa überfallen. Wie grotesk. Aber die stehen eben auf starke Führer. Sie meinen, dass nur ein starker Führer die Gefahr von innen und aussen bannen kann. Und da haben sie eben mit den russischen Invasoren auch noch etwas gemeinsam: Sie sind nicht nur intolerant gegenüber Ausländern, sondern auch gegenüber den «Gefahren» von innen. Gegen diejenigen, die anders leben, lieben oder denken als sie selbst. Und das sind Merkmale faschistischer Ideologien. 

Paradoxerweise schaffen es genau diese Parteien in Zeiten von Unsicherheit, so etwas wie Gemeinschaft zu vermitteln. Wir gemeinsam gegen die. An Volksfesten mit Freibier, wo man unter sich ist und keine störenden Ausländer oder am Ende gar noch Queere anzutreffen sind. Dort machen ihnen dann andere rechtspopulistische Politiker aus diversen Ländern ihre Aufwartung. Wie brave Schulkinder hocken die gefährlichsten Figuren der europäischen Rechten da nebeneinander und demonstrieren Einigkeit. Sie kommen zwar alle aus verschiedenen Ländern, aber das passt schon. Das sind andere Ausländer. Die kämpfen ja auch gegen Ausländer. An diesen Festen sonnen sie sich in ihrem Volk und machen Selfies. Mit Mobiles, an deren Herstellung mehrere tausend Lieferanten auf der ganzen Welt beteiligt sind, aber keine aus dem eigenen Land. Das posten sie dann auf der Plattform des reichsten Mannes, der jemals gelebt hat und der offen seine rechtsnationalen und imperialen Gelüste kommuniziert. Und das auf Servern, von denen kein einziger im eigenen Land steht. Die anderen sollen liefern, aber nicht kommen. Dabei beruht unser Lebensstandard zu einem grossen Teil auf einer global vernetzten Welt. Das wird aber ignoriert, wenn sie von nationaler Abschottung träumen. An eben diesen Festen können sie dann von geschlossenen Grenzen fabulieren – diese Grenzzaun-Faschisten – äh, Fetischisten– diese. 

Entschuldigung, ich glaube, ich habe grad etwas die Contenance verloren. Aber das musste mal raus. Das war nicht der Philosoph, der da geredet hat, sondern ein Weltbürger, der sich masslos über diese kognitive Dissonanz aufregt. Und auch darüber, wie einfach Menschen zu manipulieren sind und darauf reinfallen, wenn ihnen Gefahr suggeriert wird. Ich bestreite ja die Herausforderungen und Probleme nicht, die durch die Migration entstehen. Nur sind die verursachenden Faktoren komplizierter – globaler. Die Wanderungen werden stattfinden, ob uns das passt oder nicht. Zäune zu errichten ist Symbolpolitik und löst keines der verursachenden Probleme. Genau diese Ignoranz der Ursachen befeuert das Gefühl der Gefahr – und folglich auch die Intoleranz. Man fühlt sich machtlos. Erst wenn man die wirklichen Ursachen erkennt und bekämpft, bekommt man das Gefühl, wieder etwas Kontrolle zurückzuerlangen. 

Die gefährlichste Intoleranz ist genau diejenige, die ohne jede Doktrin oder Theorie allein aufgrund elementarer Triebe entsteht. Deswegen kann sie nicht mit Vernunftargumenten kritisiert und aufgehalten werden.

Umberto Eco, Der ewige Faschismus, Intoleranz

Weil man nicht mit Vernunft dagegen argumentieren kann, sind diese Ideologien so gefährlich. Und weil diese Parteien mittlerweile schon eine gewisse Stärke erreicht haben und selbstbewusst auftreten, ist die Hemmschwelle für viele gesunken, ihrer Angst nachzugeben und bei diesen ihr Kreuz zu machen. Das macht die Situation noch gefährlicher. Die allgemeine Akzeptanz dieser rechten Parteien zeigt sich auch darin, dass Neonazis und rechte Burschenschaften wieder aus ihren Kellern kriechen und sich trauen, sich wieder offen zu zeigen.

Noch ist Zeit, dagegen zu steuern. Ich jedenfalls möchte nicht plötzlich in einem Haus erwachen, in dem es diese kunterbunte Schublade nicht mehr gibt.


Umberto Eco, der unter Mussolini aufgewachsen ist, beschreibt in seinem hervorragenden Buch «Der ewige Faschismus» vierzehn Merkmale, anhand derer man faschistische Tendenzen und Ideologien erkennen kann. Wenn man diese Merkmale mit den Zielen und dem Handeln der rechtsnationalen Parteien in diversen Ländern Europas vergleicht, weiss man, wohin die Reise geht, sollten diese an die Macht kommen.