Die Farben

Veröffentlicht am 17. Juli 2026 um 09:00
Spiten von Farbstiften in Nahaufnahme. Von Links nach rechts: Rot, Gelb, Blau, Grün, Orange.

Farbstifte 

Fotografie: ismael@aumundzeit.blog

 

Auf der Strasse ist es am offensichtlichsten. Wer's nicht glaubt, soll mal von einem Hochhaus auf einen grossen Parkplatz schauen und dann mal alle Grau- und Schwarztöne aufzählen, die man dort sieht. Das geht von Hellgrau über Dunkelgrau bis Schwarz. Der neueste Hit: Autos in Mattgrau. Die sehen dann so aus, als ob sie noch gar nicht fertig lackiert sind. Alles in allem ein homogener Haufen, bei dem sich der Status und der Rang der Individuen nur noch durch Grösse und PS definieren. Fast wie beim Militär – da sieht man den Rang auch nur an den immer dicker werdenden Abzeichen und Bäuchen. Die wenigen weissen Autos auf so einem Platz bilden dann schon fast einen angenehmen Kontrast. Selten, aber wirklich ganz selten sieht man ein aufmüpfiges farbiges Auto. In was für eine farblose Zeit sind wir da reingerutscht?

Wer bewirkt das? Sind das die Hersteller, die uns das aufzwingen? Aber der Markt bestimmt doch im Kapitalismus, was produziert wird. Dann ist es der Konsument? Ist es nur der Status, der einen zwingt, möglichst den grössten und schwersten Klotz auf dem Parkplatz zu haben, damit jeder sieht, was man hat? Und dabei aber möglichst nicht aufzufallen? So als Understatement. «Seht her, was ich habe», aber zeigen will ich es nicht zu offensichtlich. Also eine vorgegaukelte Bescheidenheit? Es zieht sich nämlich durch viele Lebensbereiche. Geht mal in einen Radshop. Bei den Elektrorädern für den Alltag findet man auch fast keine Farben mehr. Am ehesten noch bei den Sporträdern. Aber sonst die gleiche Tristesse. Auch viele moderne Wohnungen sind schwarz-weiss eingerichtet mit viel Glas. Dieselbe Farblosigkeit wie auf dem Parkplatz. Auch bei den Häusern und Wohnblöcken das gleiche Bild. Äusserst selten wagt jemand, etwas Farbiges hinzustellen. Gleichzeitig gefallen aber den meisten die farbigen Häuser in Schweden oder die bunten Dörflein der Cinque Terre. Es wäre also nicht so, dass es ihnen nicht gefallen würde. Aber es traut sich fast niemand.

Die Menschen geben sich in der Masse nach aussen uniform und farblos. Darum versuchen sie dann auf vielen Kanälen, ihre Einzigartigkeit darzustellen, aber bewirken damit genau das Gegenteil. Sie schwimmen mit und verschwinden in der Masse.

Umso mehr sucht die Jugend einen Ausbruch davon. Um wieder Farbe ins Leben zu bringen, veranstaltet man dann kommerziell orchestrierte Vergnügungspartys, bei denen sie sich gegenseitig mit Farbpulver einnebeln, die Holi-Festivals. Dass es sich um ein hinduistisches Frühlingsfest mit tiefen religiösen Wurzeln handelt, wissen wahrscheinlich die wenigsten. Aber sie können dann wenigstens allen zeigen, wie bunt und toll ihr eigenes Leben ist.

Oder um ein bisschen was Exotisches ins farblose Leben zu bringen, chillen sie in der Siddhartha-Buddha-Lounge. Ja, die gibt es. In Rorschach am Bodensee. Was für ein trauriges Schauspiel, wenn sich junge Menschen neben überlebensgrossen Buddha-Statuen mit überteuerten Drinks berauschen und sich nicht bewusst sind, dass ebendiese für einen klaren, erwachten Geist stehen.

Besser, sie gehen auf die Street Parade. Da können sie nicht viel falsch machen. Die ist ja bewilligt als Demonstration für Liebe, Frieden, Freiheit, Grosszügigkeit und Toleranz. Und die ist hip. Da dürfen sie endlich Haut und Farbe zeigen.

Am Montag dann, vielleicht erst ein paar Jahre danach, steigen sie auch in ihr farbloses Auto und fahren zur Arbeit. Dort reihen sie sich konform ein.


Auf nichts also müssen wir mehr achten als darauf, nicht nach Art des Herdenviehs dem vorauslaufenden Schaf zu folgen: Wir würden dann nur den meist betretenen, nicht aber den richtigen Weg wählen.

Seneca, Vom glückseligen Leben