Der Heustock

Veröffentlicht am 5. Juni 2026 um 09:00
Nahaufnahme von gelbem Stroh

Stroh Nahaufnahme

 

Für meine Schwestern:

Oh Mann, war das immer ein Spass! Jedes Mal ein neues Versteck zu suchen, wenn wir sahen, dass eine meiner Schwestern von der Bahnstation rüberkam, um mich zu holen. Da habe ich nämlich gewohnt – in einer Bahnstation. Cool, gell? Die unmöglichsten Orte haben mein Freund und ich dann gefunden, um uns zu verstecken. Und davon gibt es auf einem Bauernhof viele. Denn auf so einem riesigen Abenteuerspielplatz hat mein Freund gewohnt. Meine Schwestern haben sich immer gestritten, wer mich diesmal holen musste, weil es meistens ein Theater war, uns zu suchen.

Einmal haben wir uns einen richtigen Schlachtplan gemacht. Wir haben oben im Heustock unter den Strohballen eine Höhle gebaut und dann legten wir uns beim Tennentor, hinter einem Strohballen liegend, auf die Lauer. Wir hatten von da oben eine gute Sicht auf den Weg rüber zur Bahnstation. Als wir sahen, dass sich meine Schwester auf den Weg machte, um mich fürs Abendessen zu holen, rannten wir in unsere Höhle und haben einen Strohballen vor den Eingang gezogen. Man hätte uns nie und nimmer gefunden. Im nächsten Frühjahr vielleicht. Irgendwann mussten wir dann halt doch hervorkommen, da die Rufe nicht mehr so nett geklungen haben. Und Hunger hatten wir eigentlich auch. Kinder kommen halt auf die unmöglichsten Ideen, wenn ihnen langweilig ist. Aber eben auf kreative.

Arthur Schopenhauer sah in der Langeweile eine Geissel der Menschheit: Wenn die Menschen nicht gerade getrieben von ihrem Willen durch die Welt hetzen, plagt sie die Langeweile. Irgendwie hatte er schon recht. Für die meisten Menschen ist die Langeweile ein Graus. Gefühlt schleicht sich für sie dann die Zeit nur so dahin. Ungenützt.

Ach, wie endlos lang waren doch die verregneten Nachmittage als Teenager: Platten hören, Plattencover studieren, Band-Logos nachzeichnen, Mixtapes für seine Freunde aufnehmen und bemalen. Immer mit der Vorfreude, dass es bald wieder sonniges Wetter wird und man sich wieder mit seinen Schulfreunden in der Badi trifft. Ich glaube, ich habe nie wieder so intensiv und präsent Musik gehört wie in meiner Jugend. 

Heute wird Zeit optimiert. Wir haben viel mehr Möglichkeiten, um Zeit zu sparen. Mehr als je zuvor. Vom Rasenmäh-Roboter bis zum Onlineshopping. Der Effekt ist aber nicht, dass wir dadurch mehr Zeit für uns haben. Nein, man will dafür mehr in der gleichen Zeit erledigen. Und wenn wir dann mal wirklich frei haben, dann wollen wir in der gleichen Zeit auch mehr erleben. Sollte uns dann doch mal die Langeweile übermannen, dann haben wir genügend Ablenkungen parat, damit es eben nicht so weit kommt. Und genau darum rennt uns die Zeit davon.

Tatsache ist: Je schneller wir durchs Leben hetzen, umso schneller kommen wir gefühlt am Ziel an. Ihr wisst, welches Ziel ich meine. Das, über das man nicht gerne nachdenkt.

Irgendwie vermisse ich diese langweiligen Tage aus meiner Jugend. Die Langeweile ist eben nur eine Geissel, wenn man sich vor ihr fürchtet. Heute baue ich wieder bewusst langweilige Momente in mein Leben ein – nur dass die dann eben gar nicht langweilig sind, sondern mitunter zu den wertvollsten Momenten gehören. Prompt fallen mir dann Ideen ein – aus heiterem Himmel. Wie zum Beispiel zu diesem Beitrag.

Wir sollten uns wieder mehr langweilen.


Die Menschen bedürfen der Tätigkeit nach außen, weil sie keine nach innen haben. Wo hingegen diese stattfindet, ist jene vielmehr eine sehr ungelegene, ja oft verwünschte Störung und Abhaltung, und ist hingegen der Wunsch nach Stille und Ruhe von außen und nach Muße der vorherrschende. - Aus dem ersteren ist auch die Rastlosigkeit und zwecklose Reisesucht der Unbeschäftigten zu erklären. Was sie so durch die Länder jagt, ist dieselbe Langeweile, welche zu Hause sie haufenweise zusammentreibt und zusammendrängt, daß es ein Spaß ist, es anzusehn.

Arthur Schopenhauer, Parerga und Paralipomena II