Der Stutz

Veröffentlicht am 19. Juni 2026 um 09:00
Eine silbrige Einfranken-Münze

Ein Silber-Stutz

Fotografie: ismael@aumundzeit.blog

 

«Häsch mer en Stutz?» quatscht mich der Junkie von der Seite an. Manchmal fragen Obdachlose in der Schweiz einen so nach Geld – einem Franken. Auch wenn ich Bettlern meistens etwas gebe, mag ich es gar nicht, wenn man mich so provokant anbettelt. Moment – der kommt mir irgendwie bekannt vor. Den kenne ich doch aus der Schulzeit. Es steht aber nur noch ein Schatten des Jungen vor mir, mit dem ich mal in die Schule gegangen bin. Er ist abgemagert bis auf die Knochen. Sein Gesicht und seine Arme sind übersät mit Flecken und Hautausschlägen. Ein sicheres Zeichen für AIDS im Endstadium. Es war offensichtlich: er hatte nicht mehr viel Zeit. 

Bei dieser Begegnung in den Achtzigern war ich neunzehn. Das Ende meiner Lehre nahte und ich hatte bereits den ersten Arbeitsvertrag im Sack. Jetzt ging’s erst richtig los. Das war vor bald vierzig Jahren. Seither ist also mehr als doppelt so viel Zeit verstrichen, wie wir beide damals alt waren. Was ich in diesen vierzig Jahren alles erlebt habe, ist unglaublich. Freunde, Trampen, Partys, Open-Airs, Abenteuerreisen, WG, eigene Wohnung, Freundin, Frau, Haus, Kinder, Karriere, Sport, Gipfelbesteigungen – erwachsene Söhne, die nun älter sind als er damals und noch vieles mehr. Ich habe das alles erlebt. Er nichts davon.

Die Zeit – was für ein wertvolles Gut. Wie kostbar für diejenigen, die nur noch wenig davon haben, und wie gering geschätzt von denen, die meinen, sie hätten noch genug davon.

Ich denke noch oft an diese Begegnung zurück. Was wäre aus ihm geworden, wenn er in einer anderen Umgebung aufgewachsen wäre? In der Schule war er eigentlich nur aufgefallen, weil er die Hausaufgaben nie dabei hatte. Er hatte nie Freunde zu sich eingeladen. Ich glaube, er hatte gar keine richtigen Freunde. Die Mutter war alleinerziehend und man munkelte, dass sie trank. Als Kinder konnten wir uns darunter gar nichts vorstellen. Es klang einfach komisch für uns. Wir trinken doch auch. Er war einfach, wie soll ich das sagen, etwas seltsam. Ungehobelt würde man bei einem Erwachsenen sagen – für ein Kind fehlt mir der Begriff. Auf jeden Fall musste da zuhause einiges im Argen gewesen sein. Er kam immer verwahrlost daher. In der Sekundarschule habe ich ihn dann aus den Augen verloren. Er ist entweder weggezogen oder in einer Sonderschule gelandet. Ich weiss es nicht.

Als ich ihn damals gefragt habe, ob er denn wirklich der sei, mit dem ich in die Schule gegangen war, meinte er nur: «Ja. Und? Häsch mer jetzt en Stutz?». Ich habe ihm zwanzig gegeben.