Der Abgrund

Veröffentlicht am 22. Mai 2026 um 09:00
Wasserfall, der über moosbewachsene Steine in einen dunklen Abgrund stürzt

Irgendein Wasserfall irgendwo

Fotografie: ismael@aumundzeit.blog

 

Erst wenn man mal an diesem Abgrund gestanden hat, weiss man, welche Dunkelheit da unten wartet. Dieser Abgrund tat sich bei mir während eines Laufs vor mir auf. Von einem Tag auf den anderen musste ich meinen Lieblingssport, eben dieses Laufen, aufgeben. Und noch vieles anderes.

Erst viel später wurde mir bestätigt, was mich da erfasst hat: ich hatte einen Crash erlitten infolge einer Belastungsintoleranz. Klingt irgendwie nach fauler Hund, ist es aber nicht. Jedes Mal, wenn man sich wieder aufrafft und wieder sportlich aktiver werden will, erleidet man massive Rückschläge, die einen schwächer zurücklassen, als man es vorher war. Man merkt förmlich, wie einem die Energie durch die Finger rinnt. Über die Ursachen möchte ich jetzt gar nicht spekulieren. Wahrscheinlich mehrere. Mich hat diese Krankheit aus heiterem Himmel erwischt, und glaubt mir, sie ist heimtückisch. Nur ganz wenige Nahestehende haben überhaupt bemerkt, wie schlecht es mir körperlich ging.

Das führt dann dazu, dass man beginnt, alles, was Energie verbraucht, aus seinem Leben zu verbannen, um wenigstens das Wichtigste noch schaffen zu können. Überhaupt noch seiner Arbeit nachgehen zu können. Noch für seine Liebsten im Leben da sein zu können. Bei mir hiess das, meine Laufschuhe an den Nagel zu hängen. Meine aktive Mitarbeit bei einem Laufverein komplett runterzufahren. Das gemeinsame Laufen sowieso. Und auf Partys bin ich jetzt halt vielfach der Erste, der sich verabschiedet. Auch Energiefresser wie soziale Medien musste ich aus meinem Leben verbannen. Gut, denen bin ich schon immer skeptisch gegenübergestanden und die vermisse ich nicht wirklich. Aber sogar meinen geliebten Schwarztee musste ich streichen. Aufputschende Mittel gehen gar nicht mehr. 

Es führte schlussendlich auch so weit, dass ich meine Arbeitsstelle nach zwanzig Jahren kündigen musste. Mein Verhältnis zu meinem damaligen Chef war gut, aber kräftezehrend. Früher steckte ich das problemlos weg, aber nun war mir meine wenige Energie zu wertvoll, um andauernd jemandem die Stirn zu bieten. Ich wollte meine Energie sinnvoller und wertvoller einsetzen.

Ja, diese Krankheit verändert vieles und vor allem einen selbst. Sie ist aber für Aussenstehende nicht so offensichtlich erkennbar. Daher erntet man vielfach Unverständnis, wenn man erklärt, was man hat. «Du hast halt schon einen stressigen Job», hört man dann vielfach. So als stiller Hinweis auf ein Burnout. Äh, geht so. In dieser Zeit habe ich begonnen, mich intensiver mit Philosophie auseinanderzusetzen, einen Blog gestartet und sogar ein Buch geschrieben – und das während ich kaum mehr die Treppe hochgekommen bin. Klingt irgendwie nicht nach Burnout, oder? 

Erst wenn man vieles loslässt und man diese Krankheit als Bestandteil von einem selbst akzeptiert, lässt sie die Zügel, mit denen sie einen ausbremst, etwas locker.

Das Schicksal mischt die Karten, und wir spielen.

Arthur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena I

Wenn man dieses Zitat noch lesen und verstehen kann, ist man also noch im Spiel. Und das ist genau der Punkt, der Mut macht. Es kommt darauf an, was man mit dem Blatt macht, das man gekriegt hat. Man kann das Spiel vielleicht noch herumreissen.

Nach über zwei Jahren und nach vielen Rückschlägen habe ich jetzt wieder angefangen, zu laufen. Nein, laufen kann man das, was ich heute mache, eigentlich nicht mehr nennen. Früher mochte ich es nicht, wenn man mir gesagt hat: «Aha, du joggst.» Nein, ich war Läufer! Ich habe schliesslich auch an Läufen teilgenommen und war Lauftrainer. Heute würde ich es tatsächlich eher joggen nennen. Manchmal schaffe ich ein paar Kilometer und manchmal muss ich halt nach zweihundert Metern abbrechen und umkehren, wenn ich wieder mal in die Schranken gewiesen werde. Anders als früher laufe ich jetzt immer ohne ein Ziel los. Auch ohne ein langfristiges. Und bei allem, was ich tue, habe ich die Hand auf der Handbremse – bereit für eine Notbremse.

So ist Krankheit ein Hindernis des Körpers, nicht des Willens, insofern dieser sie nicht selbst dazu macht. Hinken ist ein Hindernis des Beines, nicht des Willens.

Epiktet, Handbüchlein der Moral

Ich wurde gezwungen, mich neu zu erfinden. Früher war ich ein Läufer, der philosophierte. Heute bin ich halt ein Philosoph, der joggt. Und ich ziehe meine Laufschuhe immer wieder an – erst recht.