Schiff auf dem Meer
Fotographie: ismael@raumundzeit.blog
Die einen suchen es im Yoga-Studio, die anderen bei irgendwelchen Achtsamkeits-Gurus. Aber was denn genau? Achtsamkeit? Was ist denn genau Achtsamkeit? Theoretisch kann man ja überall Achtsamkeit finden und achtsam handeln. Man kann auch achtsam ein Schwein schlachten, aber die Schreie des Schweins werden kaum Stille in unseren Kopf bringen. Und das ist eben das, was viele suchen. Die Stille im Kopf.
Heutzutage ist es schwierig, einen ruhigen Geist zu entwickeln. Es ist sozusagen immer ein Grundrauschen da wie bei stürmischer See. Meistens von den unzähligen Eindrücken, die in der heutigen Zeit der blitzschnellen Kommunikation kontinuierlich auf uns einprasseln. Unser Geist lässt sich mit einem Ozean vergleichen, der stetig aufgewühlt wird und nicht zur Ruhe kommen kann. Ja, ich weiss, das klingt jetzt genau wie von so einem Achtsamkeits-Guru. Die reden auch davon, dass der Geist wie ein stiller Ozean sein sollte. Aber die reden wahrscheinlich nicht von Frachtschiffen und Partybooten, die darauf fahren. Ich schon.
Wenn man es schafft sich diesen permanenten Eindrücken zu entziehen, wird der Geist ruhiger. Der Ozean stiller. Automatisch. Aber auch dann kommen immer wieder Gedanken auf. Manchmal wie ein Frachtschiff, das mit wertvoller Fracht majestätisch am Horizont vorüberzieht. Es entschwindet irgendwohin – wohin, wissen wir nicht. Auf unsere Gedanken bezogen sind das die schwachen Eindrücke. Die, welche wir gar nicht richtig fassen können. Sie sind dezent wahrnehmbar, aber sie lassen uns in Ruhe.
Die Kursschiffe stören uns auch nicht. Die fahren vorbei und sind schnell wieder weg. Die lautlosen Segelschiffe sowieso. Das sind auf unsere Gedanken übertragen, die Eindrücke, die sehr präsent sind, aber von denen wir uns gut wieder lösen können. Es ist unnötig, sich mehr damit zu beschäftigen.
Aber manchmal durchschneidet der unangenehme Lärm eines Motorboots die Stille und dann ankert es direkt vor uns. Und dann steigt da auch noch eine Party an Deck mit lauter Musik, die man nicht ignorieren kann. Das sind die obsessiven und quälenden Gedanken, die so omnipräsent sind, dass sie alles andere übertönen – auch die wertvollen Gedanken. Ich spreche hier aber nicht von Traumata, deren Behandlung definitiv in professionelle Hände gehört. Auch nicht von Konflikten, bei denen man ja die Ursache angehen sollte. Ich rede vom alltäglichen Ärger und von Situationen, mit denen wir immer wieder konfrontiert werden. Solche, auf die wir keinen Einfluss haben und die uns nicht zur Ruhe kommen lassen. Diese grellen Gedanken belasten uns und die müssen wir abschütteln.
Man hat zwei Möglichkeiten, diese Gedanken loszuwerden und Ruhe in den Geist zu bringen. Erstens: Man lenkt den Geist ab. Mit Tätigkeiten, bei denen man in den «Flow» kommt und alles rundherum vergisst. Die einen finden das beim Sport, die anderen bei handwerklichen Tätigkeiten oder aber auch bei intellektuellen Tätigkeiten, die unseren Geist fordern. Nur wenn wir das jetzt auf unser Beispiel mit dem Partyboot beziehen, ist das wie wenn ich einfach die Musik mit meiner eigenen übertöne. Weg ist das Boot darum aber nicht. Sobald ich meine Musik abstelle, ist die Party wieder da und in vollem Gange.
Die zweite, aus meiner Sicht nachhaltigste Lösung, solche Gedanken auf Dauer zum Schweigen zu bringen, ist die Meditation. Sich mit den Gedanken auseinandersetzen. Still beobachten, warum dieses Partyboot meine Ruhe so stört. Was ist die Ursache dieser störenden Gedanken? Kann ich die Ursache lösen oder muss ich mich damit abfinden? Ist die Ursache nicht lösbar, hilft das Beobachten der eigenen Gedanken. Das nimmt ihnen vielfach ihren Schrecken. Wir müssen sie nur lange genug beobachten – dann können wir uns langsam davon distanzieren. Sie sind zwar noch da, aber nicht mehr so obsessiv. Das Partyboot lichtet sozusagen den Anker und entfernt sich. Bis es nur noch langsam am Horizont vorbeizieht und nicht mehr störend ist. Irgendwann können wir es dann ganz loslassen.
Es ist gut, wenn wir frühzeitig lernen loszulassen. Irgendwann müssen wir alles loslassen.
Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen und Urteile über die Dinge.
Epiktet, Handbüchlein der Moral, Kapitel V