Die Kartoffel

Veröffentlicht am 8. Mai 2026 um 09:00
Ruhige Meereslandschaft im Gegenlicht. Die Wasseroberfläche glitzert silbrig durch einen Lichtreflex der tief stehenden Sonne. Am linken Horizont ist die dunkle Silhouette eines Frachtschiffs zu sehen, das langsam vorbeizieht.

Verschiedene Kartoffeln

Wikimedie (Public Domain)

 

Im Frühling sieht man sie wieder. Mit langen Zangen und grünen Säcken. Zu Hunderten laufen sie im ganzen Ländle umher und sammeln alles Mögliche auf. Landschaftsreinigung sagt man dem dann. Eigentlich ein viel zu schöner Name, um den Dreck der anderen wegzuräumen. Aber es zeigt die positive Haltung der Helfer.  Sie wollen eine saubere Landschaft und darum machen sie das. Sehr lobenswert.

Dass überhaupt Müll von Einzelpersonen in der Landschaft landet, ist für mich immer noch ein ungeklärtes Phänomen. Den Abfall da liegen lassen, wo man dann später vielleicht selbst wieder mal sein Badetuch ausbreiten möchte? Unverständlich. Und es ist ja nicht so, dass wir keine Müllabfuhr hätten und alle paar hundert Meter ein Papierkorb aufgestellt wäre.

Mir ist aber klar, was es bewirkt, wenn man einfach Müll wegwirft. Das Problem vergrössert sich. Bis es eben dann hunderte Menschen braucht, die freiwillig diesen wieder zusammensammeln.

Diesen Effekt kann man im Kleinen wie auch im Grossen beobachten. Nehmen wir nur mal die Kleider. Also einen kleinen Teil unseres Abfalls. Jährlich werden in Österreich rund 22’000 Tonnen Kleider entsorgt. Man stelle sich das mal bildlich vor. Wenn man den ganzen Berg dieser Kleider auf einem Fussballfeld auftürmen würde, so würde es ungefähr einen Quader geben, der über 180 Meter hoch ist. Also fast zweimal so hoch, wie das Fussballfeld lang ist. Ja, ein Teil wird wiederverwertet, aber ein Grossteil wird halt irgendwohin verschifft, wo man das Ganze sogar noch verkaufen kann. Dieser Berg landet dann irgendwo in Afrika und wird unter widrigsten Bedingungen sortiert. Oder auch in Chile in der Atacama-Wüste, wo sich die Kleiderberge mittlerweile kilometerweise hinziehen.

Wir reichen unseren Müll weiter wie eine heisse Kartoffel. Aber irgendjemand zahlt die Rechnung dafür, und zwar meistens schlechter gestellte Menschen als die Verursacher.

Interessanterweise hat das ein sehr Schlauer schon früh erkannt, bevor solche Probleme in globalem Ausmass überhaupt ein Thema waren:

 

Das Leiden, welches ich von mir weg und auf einen andern schiebe, wird dadurch vergrößert: darum die große Masse des Übels auf der Welt, die entstanden ist, indem das ursprüngliche positive Uebel (die Schuld der Welt) durch dies egoistische Weiterschieben vermehrt wurde.

Arthur Schopenhauer, Handschriftlicher Nachlaß, Philosophische Aphorismen 

 

Was hier Schopenhauer sagt, ist, dass es grundsätzlich mit jedem Übel, das wir weiterschieben, so geht, nicht nur mit unserem Abfall. Jedes Übel, jedes Problem oder jeder Konflikt, welche wir nicht unmittelbar angehen und beseitigen, wird sich in der Folge vergrössern. Das ist ein Grundprinzip.