Immanuel Kant
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An Gandalf dem Grauen kommt keiner vorbei. Nicht mal der Dämon Balrog auf der Brücke zu Khazad-dûm. Wer kennt sie nicht, diese legendäre Szene aus Herr der Ringe? Genau so ist es in der Philosophie mit Immanuel Kant. Man kommt nicht an ihm vorbei. Ob man will oder nicht.
Dann kauft man halt mal ein Buch von Kant und beginnt zu lesen. Er schreibt definitiv anspruchsvoll. Aber irgendwie kommt man mit ihm schon klar. Beeindruckend ist zu sehen, was es heisst, Gedanken systematisch herzuleiten, weiterzuentwickeln und zu begründen. Das macht er vorbildlich. Ein Genuss zu lesen war es aber für mich trotzdem nicht. Nun ja, was erwartet man denn, wenn man Schriften von einem liest, der wahrscheinlich einen doppelt so hohen IQ hat wie man selbst? Man muss als Laie erst einmal nachschlagen, was eigentlich «kategorischer Imperativ» bedeutet. Der Begriff wurde durch Kant bekannt. Er bedeutet nämlich einen unbedingten Befehl. Einen Befehl, der die Vernunft gebietet und nach dem sich jeder zu richten hat. Eine Version des Kantschen «kategorischen Imperativs», ich glaube, die berühmteste, lautet:
Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.
Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
Natürlich gibt es von Kant selbst verschiedene Ausführungen desselben. Aber keine überzeugt mich in diesen vereinfachten Formen. Sie ergeben nur mit entsprechendem Hintergrundwissen Sinn, und man kann sie nicht so alleine stehen lassen. Wenn die Menschen vernünftig wären, vielleicht. Aber das sind sie eben nicht. Die Menschen handeln vielfach emotional und irrational.
Nehmen wir mal das Beispiel eines religiösen Fanatikers, der meint, allen Ungläubigen gehöre der Kopf abgeschnitten. Der möchte ja, dass seine verblendete Ideologie ein allgemeingültiges Gesetz wird. Ist das also ethisch korrekt? Nein. Nach Kant nicht. Er argumentiert, dass moralische Prinzipien gültig bleiben, auch wenn Menschen irrational handeln. Hier hat er grundsätzlich schon recht. Moral sollte ja nicht von Emotionen abhängig sein. Aber laut Kant braucht es zusätzlich ein übergeordnetes Ziel:
Es ist notwendig, daß unser ganzer Lebenswandel sittlichen Maximen untergeordnet werde; es ist aber zugleich unmöglich, daß dieses geschehe, wenn die Vernunft nicht mit dem moralischen Gesetze, welches eine bloße Idee ist, eine wirkende Ursache verknüpft, welche dem Verhalten nach demselben einen unseren höchsten Zwecken genau entsprechenden Ausgang, es sei in diesem oder einem anderen Leben, bestimmt. Ohne also einen Gott und eine für uns jetzt nicht sichtbare, aber gehoffte Welt sind die herrlichen Ideen der Sittlichkeit zwar Gegenstände des Beifalls und der Bewunderung, aber nicht Triebfedern des Vorsatzes und der Ausübung, weil sie nicht den ganzen Zweck, der einem jeden vernünftigen Wesen natürlich und durch eben dieselbe reine Vernunft a priori bestimmt und notwendig ist, erfüllen.
Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, Transzendentale Methodenlehre
Kant meint damit, dass wir nur durch ein höheres Ziel, welchem unser Verstand folgen kann, moralisch handeln würden. Zum Beispiel wenn wir meinen, im Jenseits für unser moralisches Handeln belohnt zu werden. Das heisst folglich, dass wir ohne Eigennutz, auch wenn er noch fern ist, nicht moralisch handeln würden. Und genau an diesem Punkt bin ich nicht mit Kant einverstanden. Wenn man nur einem höheren Ziel folgt, bleibt eben genau die Moral auf der Strecke. Man schaue einfach, was alles in Kriegsgebieten für Abscheulichkeiten passieren. Und was ist, wenn man jemandem hilft, ohne einen egoistischen Selbstzweck zu verfolgen? Wenn Mitgefühl die einzige Motivation ist? Hier bin ich eher bei Schopenhauer, der sagt, dass die einzig moralisch wertvolle Handlung eine selbstlose ist. Es braucht eben beides. Eine Moral, die der Verstand erfasst, und Mitgefühl. Mitgefühl ist in Ausnahmesituationen wie Krieg die einzige letzte Hürde, die uns davor bewahrt Bestien zu werden.
Ohne Mitgefühl bleibt Moral formal – aber leer. Darum halte ich Kants «kategorischen Imperativ» für zu «vernünftig», als dass er Bestand haben könnte. Da empfinde ich diese goldene Regel für viele Menschen als besser nachvollziehbar:
Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.
Goldene Regel über Jahrtausende
Diese Regel gibt es seit den antiken Philosophen und sie ist in diversen Religionen gängig. Sei es von Konfuzius, Sokrates oder Jesus. Wenn man nach dieser Regel lebt, ist man schon mal auf gutem Wege. Ja, diese Regel braucht die Fähigkeit, Empathie zu empfinden. Und wenn die nicht mehr vorhanden ist, zeigt einem genau diese goldene Regel auf, was es eigentlich bedeutet, Mitgefühl zu empfinden. Auch wenn es nur sich selbst gegenüber ist. Diese goldene Regel zu reflektieren, sind die meisten Menschen in der Lage.
Will der religiöse Fanatiker, dass ihm jemand den Kopf abschneidet? Eben.