Mondaufgang über dem Kapf, Vorarlberg
Fotographie: ismael@raumundzeit.blog
Die philosophischen Pessimisten haben schon einen schweren Stand. Da sehen sie die ganzen Probleme der Welt vor sich und dafür werden sie dann ignoriert. Man will sich ja von denen nicht in seinem Wohlbefinden stören lassen. Am liebsten würde man ihre Ansichten und ihre Bücher in einen Karton packen und für immer und ewig irgendwo auf einem Dachboden verstauen. Aber eben nur, wenn man sie nicht verstanden hat.
Wir müssen uns erst mal vor Augen halten, dass die meisten Religionen pessimistisch sind. Und die prägen unsere Kultur und unsere Denkweise, auch wenn wir die Kirche nicht besuchen. Allen voran steht das Christentum. Was? Das Christentum soll pessimistisch sein? Mit dem Heiland als Erlöser und dem Himmelreich, das auf uns wartet? Ja. Genau das ist eben der Punkt. Das Himmelreich ist nicht hier, sondern kommt erst später, wenn wir im jetzigen Leben für unsere Sünden gebüsst haben. Also im Prinzip eine Verneinung des jetzigen Lebens in der Hoffnung auf ein besseres.
Auch der Buddhismus ist pessimistisch. Aber die lächeln doch immer? Wie um Himmels willen soll das denn pessimistisch sein? Die Grundlage des Buddhismus ist ja das Leid und die Erlösung daraus. Die Buddhisten erkennen das Leid in der Welt, aber sie haben eine Auffassung entwickelt, die es ihnen ermöglicht, damit umzugehen. Das allein macht die Religion nicht pessimistisch, sondern die Vorstellung, dass man auf einen Zustand und eine Erlösung hinarbeiten muss: das Nirwana. Und da sind wir dann wieder an dem gleichen Punkt wie das Christentum mit seinem Himmelreich, das später auf uns wartet – vielleicht.
Der Pessimismus, wie wir ihn in der Alltagssprache verstehen, beschreibt eine Gemütslage, bei der man immer das Schlimmste erwartet. Das ist aber eher einer tendenziell depressiven Gemütslage zuzuordnen. Es ist ein Schutzmechanismus, damit man auf die Widrigkeiten des Lebens vorbereitet ist und einem nichts mehr treffen kann. Es kann ja nicht noch schlimmer kommen.
Demgegenüber steht der Optimismus, wie wir ihn kennen. Der kann in ausgeprägten Formen sehr anstrengend fürs Umfeld sein. Fast schon maskenhaft. Übertriebener Optimismus hat nichts mit der stoischen Ruhe zu tun, mit der man den unvermeidlichen Zumutungen des Lebens begegnet. Es ist eher ein Überspielen und Ausblenden davon. Also im Endeffekt eher eine Verdrängung. «Störe meine Kreise nicht», soll der Überlieferung nach mal ein sehr intelligenter Mann gesagt haben. Das war der Archimedes und der wurde darauf von dem römischen Soldaten erstochen. Das Ausblenden von Gefahr und dem Übel der Welt ist eben nicht immer hilfreich.
Der philosophische Pessimismus selber hat nichts mit dem Begriff des Pessimismus zu tun, der bei uns in den meisten Köpfen rumschwirrt. Philosophischer Pessimismus betrachtet die Welt objektiv. Ein Schopenhauer zum Beispiel, der Oberpessimist schlechthin, war ein Philosoph, der auch ein Auge für das Schöne auf dieser Welt hatte, ohne das Schlechte auszublenden. Er war durchaus ein Geniesser und er konnte sich sehr für die Kunst, die Natur und das Weltall begeistern. Oder beschreibt so ein Mensch in einer depressiven Stimmung die Gravitation der Planeten?
…wo die Weltkörper mit einander spielen, Zuneigung verraten, gleichsam liebäugeln, aber es nicht bis zur plumpen Berührung treiben, sondern, die gehörige Distanz bewahrend, ihren Menuett mit Anstand forttanzen…
Arthur Schopenhauer, Über den Willen in der Natur , physische Astronomie
Philosophischer Pessimismus ist eben kein Befinden, sondern ein Befund.