Die Perspektive

Veröffentlicht am 13. Februar 2026 um 09:00
Carl Gustav Jung bit Backpfeife sitzt nachdenklich im Garten

Carl Gustav Jung

Foto: Wikimedia (Public Domain)

 

«Wie kann jemand nur so gefühllos sein?», denkt man sich ab und zu. Umgekehrt denken die Angesprochenen, wohlverstanden in der gleichen Situation: «Wie kann man nur so unlogisch denken?» Die einen verstehen die anderen nicht. Weil wir eben alle verschieden sind.

Der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung hatte erkannt, wieso wir Menschen so unterschiedlich reagieren. Was uns unterscheidet, ist, wie wir wahrnehmen und entscheiden. Da gibt es die Denkenden, die Fühlenden, die Empfindenden und die Intuitiven. Wie wir unsere Umwelt aufnehmen, prägt entscheidend, wie wir sie beurteilen.

Das spiegelt sich auch in den Erkenntnistheorien der Philosophie wider. Die versuchen genau zu erklären, wie wir Menschen Informationen aufnehmen und wie wir zu einem Urteil kommen. Und die sind eben so verschieden wie ihre Autoren.

Ein Immanuel Kant zum Beispiel war ein klassischer Denker und war hochgradig rational. Er leitete alles logisch her. Das möchte ich in keiner Weise abwerten. Das ist eine Gabe und grundsätzlich ist die Logik eine Grundlage der Philosophie. Kants Erklärungen basieren vielfach auf Vernunft als Basis unserer Entscheidungen und die setzt er eben vielfach auch voraus. Nur wenn man kein Typ ist, der so rational denkt, sondern eher einer ist, der sich auf sein Bauchgefühl verlässt, dann hat man ein Problem mit rein rationalen Erklärungen, weil die einfach für einen persönlich nicht passen. Man kann es gar nicht so richtig fassen, wieso. Man spürt das einfach, dass das nicht mit dem übereinstimmt, was man in der Welt beobachtet. Für die Fühlenden kommt dann eben ein David Hume gerade gelegen, dessen zentrale Idee ist, dass die Vernunft nur die Sklavin der Leidenschaften ist. Und der Schopenhauer kommt dann den Rationalen sowieso quer rein. Der zeigt uns nämlich auf, dass wir vielfach von unserem Willen gesteuert sind, den wir nur begrenzt im Zaum haben. Beide führen uns vor Augen, dass wir eben vielfach nicht vernunftgesteuert und rational sind, sondern zutiefst irrational und affektgesteuert handeln. Zumindest ein grosser Teil von uns. Man schaue in die Welt hinaus und man sieht es.

Daraus kann man schlussfolgern, dass es in der Philosophie, vor allem in der Erkenntnistheorie, wahrscheinlich nicht nur richtig oder falsch geben kann. Und zwar, weil solche Theorien von verschiedenen Philosophen und Philosophinnen hergeleitet wurden, die ganz anders ticken und sie folglich aus ganz anderen Perspektiven beschreiben. Daher habe ich das Gefühl, dass es keine Erkenntnistheorie gibt, die für alle Menschen gültig ist. Ist doch irgendwie logisch, oder?


Der Schuh, der dem einen passt, drückt den anderen.

Carl Gustav Jung