Das Geknatter

Veröffentlicht am 4. September 2026 um 09:00
Ein Spatz am Baden

Ein Genießer am Baden

Fotografie: ismael@aumundzeit.blog

 

Wenn man eine junge Starenfamilie beobachtet, die erstmals mit den Jungvögeln auf Nahrungssuche geht, kommt man schon ins Staunen. Die Mutter hockt auf dem Busch und es mutet an, als ob sie mit ihrem Geknatter die Kleinen dirigiert: «Nein Mia-Chiara, die Raupe ist da rechts. Ja, die! Doch die kann man essen. Ja, die ist fett, aber Proteine sind gesund. Stell dich jetzt nicht so an! Kevin-Justin! Trödel nicht herum und mach endlich die Augen auf, sonst geht’s heute ohne Nachtessen ins Bett!» – «Achtung, Katze!» Nur ein Warnruf und alle Geschwister sind in null Komma nichts auf dem Busch in Sicherheit.

So stelle ich mir das etwa vor, wenn ich der Starenfamilie zuschaue. Zugegeben, so detailliert ist die Kommunikation wahrscheinlich nicht. Aber die Staren-Mama verändert immer wieder ihren Gesang, oder besser gesagt ihr Geknatter, und die Jungen scheinen am Boden darauf zu reagieren.

Es ist bestätigt, dass Vögel verschiedene Warnrufe ausstossen, je nach Räuber, der sich ihnen nähert. Also haben sie so etwas wie einen Wortschatz. Nur in einer Sprache, die wir nicht verstehen. Und wir werden sie nie verstehen, weil wir die Welt nicht mit ihrem Bewusstsein sehen. Wir verstehen ja nicht mal, wie Menschen aus anderen Kulturkreisen die Welt sehen. Wie denn auch, bei einem Tier?

Wer immer noch bezweifelt, dass Tiere ein Bewusstsein haben, der soll mal Spatzen beim Baden zusehen. Das geht über die Körperhygiene hinaus. Sie haben sichtlich Spass daran. Sie hüpfen immer wieder ins Wasser. Oder der schaue mal einer Elster zu, wie sie um den Kompost tänzelt. Wie ein Gourmet die Auswahl beäugt. Sie frisst nicht rein instinktiv. Sie wählt gezielt aus – wie wir am Running Buffet.

Wir schreiben den Tieren auch keinen Charakter zu. Interessanterweise machen wir hier bei Haustieren eine Trennung. Teilweise werden denen schon fast menschliche Züge zugeschrieben. Gut, das kommt natürlich auch daher, dass sie vermenschlicht werden. Aber alle, die ein Haustier besitzen, werden diesem einen eigenständigen Charakter zugestehen. Nur was ist hier anders als bei einem Tier in Freiheit oder Gefangenschaft?

Im Garten habe ich mal einer Hummel zugeschaut, die mit ihrem, zumindest für uns recht unkoordiniert empfundenen Flugstil Blüten angeflogen hat. Ich habe ihre Flugbahn genau beobachtet. Sie ist kreuz und quer über die Blüten geflogen, aber sie hat keine Blüte ein zweites Mal angeflogen. Das ist übrigens auch erwiesen. Hummeln setzen Duftmarkierungen, damit ihre Artgenossen erkennen, dass diese Blüte keinen Nektar mehr hat. Wie genial: Sie teilen sozusagen Wissen, damit ihre Artgenossen Energie sparen können. Also eindeutig eine soziale Interaktion. Sie läuft halt auf einer Ebene ab, die wir nicht wahrnehmen.

Ich bin überzeugt, dass wir generell das Bewusstsein der Tiere unterschätzen. Wie kommen wir überheblichen Menschen bloss dazu, vielen Tieren ein Bewusstsein und eine Leidensfähigkeit abzusprechen, nur weil wir ihre Sprache und ihre Empfindungen nicht verstehen?


Falls es jemand genauer Wissen will:

Pearce, Giuggioli & Rands, Scientific Reports 7, 2017: «Bumblebees can discriminate between scent-marks deposited by conspecifics»