Der Krug

Veröffentlicht am 17. Jänner 2026 um 09:00
Handgefertigte Tontöpfe und Keramik auf rustikalem Holztisch in einer lichten Werkstatt – Natürlichkeit und Handwerkskunst im Einklang.

Krüge in einer Töpferei, Skansen Stockholm

Foto: ismael@raumundzeit.blog

 

Im Gilgamesch-Epos, der ältesten überlieferten und schriftlich festgehaltenen Dichtung, aber auch in der Bibel, und zwar in der Genesis, wurde schon geschrieben, dass der Mensch aus Lehm geformt wurde. Das stimmt im übertragenen Sinn schon, denn woraus sollten wir denn sonst bestehen als aus Materialien, die es auf der Erde gibt?

Die Analogie zum Lehm ist recht gut gewählt. Wir erhalten einen Körper, ohne dass wir etwas dazu beigetragen haben. Wie der Lehm, der zu einem Krug geformt wird. Der trägt ja auch nichts dazu bei, er ist einfach. Und dann wird er zum Krug, ohne dass er gefragt wurde. Halt wie wir. Wir werden einfach geboren.

Was wir also nicht direkt selber beeinflussen können, ist, dass wir auf die Welt kommen. Auch nicht, wo wir hineingeboren werden. Aber grad die Umgebung, in der wir aufwachsen, und vor allem die damit verbundenen Wertvorstellungen prägen uns, ohne dass wir viel Einfluss darauf nehmen können. Sind wir jung, sind wir eben noch formbar wie frischer Lehm. Das ist auf der einen Seite gut. Wir sind in jungen Jahren sehr flexibel und neugierig. Auf der anderen Seite sind wir natürlich auch leichtgläubiger und anfälliger für alle möglichen Einflüsse – für gute, aber leider auch für schlechte. Wir werden sozusagen geformt. Eben wie der Krug.

So bildet sich demnach schon in den Kinderjahren die feste Grundlage unserer Weltansicht, mithin auch das Flache, oder Tiefe, derselben: sie wird später ausgeführt und vollendet; jedoch nicht im Wesentlichen verändert.

Arthur Schopenhauer - Senilia, Gedanken im Alter (Herausgeber Ernst Ziegler und Franco Volpi)

Aber wir haben auch sonst nicht alles unter unserer eigenen Kontrolle, so wie wir das immer meinen. Da ist noch der angeborene Charakter, von dem der Philosoph Arthur Schopenhauer spricht. Dieser ist nämlich unveränderlich und bei jedem einzigartig. Den können wir nicht grundsätzlich ändern, aber durch unseren Lebenswandel und unsere Lebenseinstellung beeinflussen. Daraus entsteht dann der erworbene Charakter. Das ist quasi der Inhalt des Krugs, den wir beeinflussen können.

Werden wir dann älter, so werden wir weniger formbar. Wir sind sozusagen ausgehärtet. Wir haben unsere Werte und Überzeugungen gefestigt. Auch unsere Sicht auf die Welt. Wie diese ist, hängt massgeblich davon ab, wie wir gelebt haben. Sie ist also eine direkte Folge unseres Karmas, so nennen das die Buddhisten. Karma ist die Summe der Ursachen, die wir gelegt haben, nicht das Resultat, was vielfach verwechselt wird. Also eine logische und philosophische Erklärung des Zusammenhangs von Ursache und Wirkung – der Kausalität. Das Karma zeigt sich überall. Wenn man mit offenen Augen auf sein Leben und seine Umgebung schaut, kann man die direkte und langfristige Wirkung der von uns gesetzten Ursachen in und um uns herum erkennen.

Eine direkte Folge davon ist für uns: Wenn wir in unserem Leben viel moralisch wertvolles bewirkt haben, können wir viel positiver auf unser Leben zurückblicken, als wenn wir nur Negatives angehäuft haben. Das ist wichtig, denn irgendwann werden wir an diesen Punkt kommen, an dem wir auf unser Leben zurückblicken und es nach unseren Wertvorstellungen beurteilen.


Auch Arthur Schopenhauer vertritt die Auffassung, dass wir im Rückblick auf unser Leben dieses letztlich nach moralischen Massstäben beurteilen:

…dass bei Annäherung des Todes, der Gedankengang eines jeden Menschen, gleichviel ob dieser religiösen Dogmen angehangen habe oder nicht, eine moralische Richtung nimmt und er die Rechnung über seinen vollbrachten Lebenslauf durchaus in moralischer Rücksicht abzuschließen bemüht ist.

Arthur Schopenhauer, Die beiden Grundprobleme der Ethik