Larry Goldings Orgel im Jazcclub Lustenau
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Jeder hat sie. Die Tasten, die jemand nur drücken muss, und dann verliert man die Fassung oder man ist verletzt. Wenn man Situationen aus der Vergangenheit analysiert, die uns belastet haben, so wird man herauskristallisieren können, dass jeweils unsere Werte verletzt wurden. Das sind teilweise ganz grundlegende Werte des Zusammenlebens, die sich im Laufe unseres Lebens geformt haben, vor allem auch in der Jugend. Wurde man zum Beispiel als Kind viel gehänselt, so ist vielleicht ein Wert, der einem sehr wichtig ist, mit dem Respekt behandelt zu werden, der einem zusteht.
Man kann sicher lernen, mit solchen Grenzüberschreitungen umzugehen, aber leider sind die Reaktionen darauf keine reine Antwort des Verstandes, sondern Affekte, und gegen die können wir uns nicht wirklich mit unserer Vernunft wehren. Unser Verstand ist erst beteiligt, wenn wir Urteile fällen wie «wahr oder falsch». Affekte finden aber vorher, ohne Urteil unseres Verstandes, statt. David Hume hat das folgendermassen zusammengefasst:
Es wäre langweilig, alle die Argumente zu wiederholen, durch die ich bewiesen habe, dass die Vernunft vollkommen passiv ist und weder Affekte noch Handlungen jemals verhindern oder hervorrufen kann. Vernunft ist die Erkenntnis von Wahrheit und Irrtum. Wahrheit und Irrtum aber besteht in der Übereinstimmung bzw. Nichtübereinstimmung entweder mit den wirklichen Beziehungen der Vorstellungen oder mit dem wirklichen Dasein und den Tatsachen. Was also einer solchen Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung überhaupt nicht fähig ist, kann weder wahr noch falsch und demnach niemals Gegenstand unserer Vernunft sein.
David Hume, Traktat über die menschliche Natur
Wir können also nur lernen, mit unseren Affekten in solchen Situationen umzugehen, aber nicht diese selber steuern. Modulieren nennt man das dann in der modernen Psychologie. Das hat übrigens schon Baruch de Spinoza vor vierhundert Jahren erkannt.
Darum stossen wir immer wieder auf Mitmenschen, auf die wir in bestimmten Situationen empfindlich reagieren und bei denen wir gar nicht richtig fassen können, wieso. Das sind eben die, welche unsere eigenen Werte und somit unsere Integrität verletzen. Werden wir immer wieder mit der Verletzung unserer Werte konfrontiert, braucht das sehr viel Energie und wir werden auf Dauer nicht damit klarkommen. Wir können sogar physisch und psychisch Schaden nehmen. Und wir werden ja unsere Werte nicht einfach über Bord werfen wollen, denn die sind für uns ja wertvoll.
Es gibt verschiedene Sorten von Mitmenschen, die uns kontinuierlich belasten. Da sind mal die Ignoranten. Solche, die es einfach nicht merken, dass sie andere verletzen. Das sind die, welche dann nicht verstehen, wieso das Gegenüber plötzlich reserviert und abweisend reagiert. Die verfolgen vielfach keine böse Absicht. Teilweise fehlt ihnen einfach die Empathie oder das Bewusstsein, um zu erkennen, was sie in ihrem Umfeld anrichten. Oder es ist ihnen schlichtweg egal. Ignoranz entsteht auch aus Unwissenheit oder mangelnder sozialer Kompetenz.
Eine ganz andere Kategorie sind aber die Egomanen. Menschen mit stark egozentrischen und damit verbunden auch kontrollierenden Zügen. Die meinen, sie können und wissen alles besser. Da sie sich dadurch anderen überlegen fühlen, können sie sich dann in ihrer Grandiosität sonnen. Daher werten sie auch gerne die Leistungen anderer ab. Und das geht eben recht gut, bewusst oder unbewusst, wenn man die Tasten der Mitmenschen drückt oder ihre Leistungen kritisiert. Sind sie dazu noch hochintelligent, sind sie auch Meister der Manipulation und sie schaffen es, ihre wahre Motivation, ihr Bedürfnis nach Anerkennung, geschickt zu verschleiern. Ein untrügliches Indiz, dass man es mit Egomanen zu tun hatte, ist aber: Man fühlt sich in der Regel danach schlechter als vorher.
Die Steigerung der Egomanen sind dann die Narzissten. Die lieben es, diese Tasten zu drücken. Sie spielen mit Genuss Symphonien auf unserem Klavier. Es ist sozusagen ihre Bestimmung, ihre Mitmenschen abzuwerten, zu demütigen und auszunutzen, um sich selber über andere zu erheben und ihr fragiles Selbstwertgefühl zu schützen. Und vielfach auch, um ihre Inkompetenz zu verbergen. Sie schaffen es immer wieder, einen aus der Fassung zu bringen. Dieses Persönlichkeitsprofil ist in einer extremen Ausprägung pathologisch und destruktiv in jeder Hinsicht.
Alle Arten gibt es natürlich in mehr oder weniger ausgeprägten Formen. Bei allen gibt es aber grundsätzlich nur ein Gegenmittel, um sich selbst zu schützen. Man muss ihnen klar seine eigenen Grenzen aufzeigen. Immer wieder. Und das braucht eben viel Energie. Ein Kraftakt, der sich auf Dauer bei Egomanen und Narzissten selten lohnt, da diese Menschen häufig kritikresistent und nicht bereit sind, ihr Verhalten zu ändern. Die Frage, die sich daher jeder selbst stellen muss, ist: «Wie viel von meiner eigenen Energie bin ich bereit, für diese Mitmenschen zu opfern?»
Der Charakter ist schlechthin inkorrigibel; weil alle Handlungen des Menschen aus einem innern Princip fließen, vermöge dessen er, unter gleichen Umständen, stets das Gleiche thun muß und nicht anders kann.
Arthur Schopenhauer, Aphorismen der Lebensweisheit, Unser Verhalten gegen andere betreffend