Das Messer

Veröffentlicht am 30. Jänner 2026 um 09:00
Ein selbstgeschmiedetes Messer mit einer Tanto-Wicklung auf Steinplatten.

Mein selbstgeschmiedetes Messer – nutzlos und nur da, um hübsch auszusehen

Foto: ismael@raumundzeit.blog

 

Bevor man anfängt, ein Messer zu schmieden, sollte man sich über dessen Funktion bewusst sein. Denn was nützt es, wenn man ein Küchenmesser schmiedet, aber man eigentlich damit schnitzen will? Es wird nicht gut funktionieren. Und wenn man einfach drauflosschmiedet, entsteht einfach ein Messer. Das sieht dann vielleicht hübsch aus, erfüllt aber keine Funktion. Quasi ein leeres Objekt zum Ausstellen.

Gut, dieses hübsche Aussehen kann natürlich schon die Hauptfunktion eines Messers sein, wenn es dafür gedacht ist. Das ist dann irgendwie wie bei gewissen Influencern und Influencerinnen auf diversen sozialen Medien. Da bekommt man auch das Gefühl, dass manche Menschen vielleicht doch nur dazu da sind, hübsch auszusehen. Nur eine leere Hülle darzustellen und möglichst viel Projektionsfläche zu bieten. Zumindest scheint man ja teilweise gut davon leben zu können, indem man andere «ansteckt». Für mein Empfinden ist das aber eher ein oberflächliches Gruselkabinett.

Die meisten von uns suchen, zumindest irgendwann in ihrem Leben, einen tieferen Sinn, als nur etwas Leeres darzustellen. Im Laufe unseres Lebens sollten wir daher unsere eigene Bestimmung erkennen. Wie ein Messer, das für einen speziellen Zweck geschaffen wurde, hat auch jeder Mensch eine herausragende Gabe und diese gilt es, zu erkennen. Das muss nicht unbedingt eine handwerkliche oder geistige Fähigkeit sein. Das kann auch ein Charakterzug sein, der uns auszeichnet. Unsere Stärken und Gaben zu fördern, motiviert uns und macht uns glücklich. So wie das Küchenmesser beim Schnitzen nicht sein volles Potential ausschöpft, so ist es eben auch bei uns. Wir entfalten uns nur, wenn wir unsere Gabe nützen können, und nicht, wenn wir versuchen, etwas zu sein, das wir nicht sind.

Werden wir uns unserer Gabe nie bewusst, fehlt etwas in unserem Leben. Und wenn wir sie erkennen, finden wir zu dem, was uns glücklich macht – und nicht zu dem, was andere oder wir selbst glauben, es sei gut für uns.


Der Baltasar Gracián war ein kluger «Kerli». Er hat im 17. Jahrhundert die Menschen und deren Zusammenleben sehr genau studiert. Nicht umsonst hat Arthur Schopenhauer höchstpersönlich dessen Handorakel übersetzt:

Seine vorherrschende Fähigkeit kennen, sein hervorstechendes Talent; sodann dieses ausbilden und den übrigen nachhelfen. Jeder wäre in irgend etwas ausgezeichnet geworden, hätte er seinen Vorzug gekannt. Man beobachte also seine überwiegende Eigenschaft und verwende auf diese allen Fleiß. Bei Einigen ist der Verstand, bei Andern die Tapferkeit vorherrschend. Die Meisten thun aber ihren Naturgaben Gewalt an, und bringen es deshalb in nichts zur Überlegenheit. Das, was anfangs der Leidenschaft schmeichelte, wird von der Zeit zu spät als Irrthum aufgedeckt.

Baltasar Gracián’s Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit, Nr. 34